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Unbekanntes Legionellen-Risiko im Altenheim
Neubau, Baujahr 2023, modernste Technik – und ein massives Legionellen-Problem. Als wir dieses Projekt in Stuttgart übernahmen, lag bereits eine frustrierende Vorgeschichte hinter der Einrichtung. Trotz rund 80 Zimmern mit modernsten Bädern und regelmäßigen Proben griffen die Betreiber des Pflegeheims ins Leere. Erst unsere tiefgehende Risikoanalyse entlarvte die Ursachen, die zwei vorherige Gutachten übersehen hatten.
Überblick: Legionellen-Risikoanalyse
- Legionellen-Werte von bis zu 12.100 KBE/100 ml in einem Pflegeheim bei Stuttgart gaben den Betreibern Rätsel auf.
- Trotz mehrerer Untersuchungen konnte die Ursache jahrelang nicht gefunden werden.
- Erst unsere Risikoabschätzung erkannte die systemischen und betrieblichen Mängel, um die Ursachen dauerhaft zu beseitigen. Vgl. auch »Legionellen: Was tun? Checkliste mit Sofortmaßnahmen
Ausgangslage: Altenheim
Wie oft in einem Altenheim eine Legionellenprüfung durchgeführt werden muss, ist in § 31 TrinkwV geregelt. Demnach ist in öffentlichen Einrichtungen eine jährliche Legionellenprüfung (alle 12 Monate) Pflicht.
An diese Vorschrift für Trinkwasserhygiene hielt sich auch diese Pflegeeinrichtung im Raum Stuttgart: Während die erste orientierende Trinkwasser-Untersuchung unauffällig blieb, explodierten die Werte im weiteren Betrieb: 28 von 32 Proben ergaben auffällige Befunde mit Legionellen-Werten zwischen 200 und 12.300 KBE.
Zur Eindordnung: Der technische Maßnahmenwert für Legionellen liegt bei 100 KBE/100 ml. Ab hier besteht sofortige Handlungs- und Maßnahmenpflicht.
Teure Analysen ohne Lösung
Liegt ein positiver Legionellentest vor, ist eine Gefährdungsanalyse vorgeschrieben. Bereits zwei mal war eine Risikoabschätzung durch Fachfirmen zur Legionellenbekämpfung in Stuttgart durchgeführt worden.
Nach unserer Einschätzung jedoch ohne ausreichende Sorgfalt. Die schriftlichen Gutachten boten wenig Hilfe:
- keine relevanten Mängel festgestellt
- Hinweise auf eine fehlende Dämmung an einem Teil der Hausanschlussleitung
- Hinweise zum Nutzerverhalten
Behelf statt Sanierung
Aus den vorliegenden Gutachten ergaben sich keine klaren Ansatzpunkte, warum ein moderner Neubau eine derart ausgeprägte Legionellen-Problematik zeigt – und das über Jahre hinweg.
In der Einrichtung kamen deshalb seit drei Jahren durchgehend endständige Sterilfilter zum Einsatz, mit Filterwechsel alle 90 Tage.
Eine teure Übergangslösung, aber keine Sanierung.
Systemische Analyse
Risikobewertung der Wasserinstallation im Altenheim
Für eine effektive Legionellen-Bekämpfung in der Wasseranlage von Pflegeheimen braucht es immer ein systematisches Vorgehen. Im Rahmen unserer ersten drei Ortstermine haben wir die Anlage nicht nur „statisch“, sondern bewusst auch unter realen Nutzungsbedingungen betrachtet.
Das heißt: Wir waren vor Ort, während Bewohner gewaschen wurden und die Küche im Vollbetrieb lief.
Auffällige Temperaturen im laufenden Betrieb
Bereits bei den ersten Ortsterminen zeigte sich ein klares Muster: Im laufenden Betrieb erreichten die Kaltwassertemperaturen an Entnahmestellen bis zu 25,7 °C. Ein Warnhinweis, denn bei diesen Temperaturen vermehren sich Legionellen und könne so die gesamte Anlage kontaminieren. » Legionellen im Kaltwasser
Aus dieser Beobachtung ergab sich zwangsläufig die nächste Frage: Wenn das Kaltwasser bereits unter Volllast auf über 25 °C steigt – was passiert dann in Zeiten mit geringer Nutzung, zum Beispiel nachts?
Systematische Messung mit Datenloggern
Statt punktueller Momentaufnahmen setzten wir auf lückenlose Dokumentation. Dazu setzten wir ein Messkonzept mit Datenloggern auf und installierten sie an kritischen Punkten der Kaltwasserversorgung:
am Hausanschluss
in der Verteilung
am Steigestrang auf der Etage
am Strangende
Ziel war es, den Temperaturverlauf über den gesamten Systemweg präzise zu dokumentieren – vom Eintritt des Kaltwassers in das Gebäude bis hin zur entferntesten Entnahmestelle. Die Messungen liefen über vier Wochen durchgehend. Ergänzend nutzten wir Wärmebildkameras und führten gezielte Bauteilöffnungen durch, um die reale Verlegung in den Schächten zu prüfen.
Das Ergebnis war eindeutig – und alarmierend.
Legionellen im Kaltwasser
Die ausgewerteten Loggerdaten verrieten: Die Kaltwassertemperaturen lagen nahezu dauerhaft über 25 °C. Und zeitweise wurden Temperaturen von 29 °C bis maximal 33 °C erreicht.
Damit befand sich das Kaltwasser in einem Temperaturbereich, der für Legionellenwachstum nahezu ideal ist. Besonders problematisch:
Diese erhöhten Temperaturen traten nicht nur punktuell, sondern über weite Strecken und über lange Zeiträume auf.
Es handelte sich also nicht um ein lokal begrenztes oder rein nutzungsabhängiges Phänomen, sondern um ein systembedingtes Problem.
Ursachenanalyse
Wenn Planung und Ausführung das Kaltwasser „aufheizen“
Im Rahmen unserer Gefährdungsanalyse konnten wir die zentrale Ursache identifizieren: Das System war so aufgebaut, dass sich verschiedene Wärmequellen ungünstig überlagerten. In der Kombination wurde das Kaltwasser praktisch permanent “angewärmt”.
Das erklärte auch, warum das Problem über Jahre anhielt, obwohl regelmäßig untersucht, beprobt und gefiltert wurde: Die Ursache lag nicht im Betrieb allein, sondern im Aufbau der Trinkwasserinstallation selbst.
Gemeinsamer Schacht für alle Leitungen
Kaltwasser-, Warmwasser-, Zirkulations- und Heizungsleitungen wurden gemeinsam in einem Schacht verlegt. Dadurch stand das Kaltwasser dauerhaft in unmittelbarer Nähe zu warmen und heißen Leitungen. Die Hitze von Warmwasser und Heizung „kochte“ das Kaltwasser förmlich auf.
Doppelwandscheiben & Zirkulation
Alle Entnahmestellen waren mit Doppelwandscheiben ausgeführt. Die Zirkulation des Warmwassers war in der Nähe der Armaturen angebunden. Das führte dazu, dass die Armaturen dauerhaft erhöhte Oberflächentemperaturen aufwiesen, die dann auf die Kaltwasserführung und -armatur übergingen.
Warum frühere Analysen ins Leere liefen
Aus unserer Sicht zeigte sich hier sehr deutlich, wo Risikoabschätzungen an ihre Grenzen stoßen, wenn sie sich zu stark auf Checklisten und sichtbare Einzelstellen konzentrieren:
- Ohne eine systematische Temperaturerfassung über längere Zeiträume bleiben kritische Wärmeeinträge im Kaltwasser oft unentdeckt.
- Ohne Bauteilöffnungen und eine detaillierte Betrachtung der tatsächlichen Leitungsführung bleiben entscheidende konstruktive Probleme verborgen.
- Ohne eine klare Trennung der Medienführungen (Kaltwasser, Warmwasser, Zirkulation, Heizung) können bauphysikalische Zusammenhänge unterschätzt werden.
In diesem Pflegeheim führte genau das dazu, dass das Kernproblem über Jahre nicht erkannt wurde.
Fazit: Legionellen-Gefahr im Pflegeheim
Für uns ist dieser Fall ein eindrückliches Beispiel dafür, wie wichtig eine ganzheitliche Betrachtung der Trinkwasserinstallation ist – von der Planung über die Ausführung bis hin zur messtechnischen Überprüfung unter realen Betriebsbedingungen.
Nur so lassen sich Ursachen einer Legionellen-Kontamination wirklich verstehen und dauerhaft beseitigen.
Marco Holz
Marco Holz ist zertifizierter Experte nach VDI 6023 Kategorie A, auf die Risikoabschätzung spezialisiert und Ihr persönlicher Ansprechpartner zum Thema Legionellen.
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