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Welches Verfahren passt zu welcher Anlage?
Ein Legionellenbefund verlangt schnelle, aber überlegte Schritte nach einer Trinkwasseruntersuchung. Eignet sich ein chemisches oder ein thermisches Verfahren in Ihrem Fall? Und woran erkennen Sie, ob es dort wirksam und kontrollierbar umgesetzt werden kann?
In der Praxis stellen wir immer wieder fest: Nicht das aggressivste Verfahren gegen Legionellen führt zum Erfolg, sondern nur die exakt passende Methode für Ihre Trinkwasserinstallation.
Das Wichtigste auf einen Blick
Thermisch: Wirksam, wenn mindestens 70 °C an jeder Entnahmestelle für 3 Minuten anliegen.
Chemisch: Kann bei weit verzweigten Netzen eine Option sein, sofern die Wirkstoffe alle Abschnitte erreichen können und vollständig ausspülbar sind.
Kombiniert: Hilft bei hartnäckiger Kontamination durch zielgerichtetes Zusammenspiel, sofern die Anlagenprüfung den kombinierten Einsatz begründet.
Grundregel: Analysieren Sie zuerst Befund und Hydraulik und entscheiden Sie erst danach über das Verfahren.
Der direkte Vergleich von chemischer und thermischer Desinfektion
| Kriterium | Thermisch | Chemisch | Kombiniert |
|---|---|---|---|
| Prinzip | Behandlung mit mindestens 70 °C heißem Wasser | Kontrollierte Zugabe eines geeigneten Desinfektionsmittels | Abgestimmte Verbindung beider Verfahren |
| Geeignet, wenn | alle relevanten Stellen die notwendige Temperatur erreichen | alle betroffenen Leitungen erreicht und kontrolliert werden können | ein Einzelverfahren, die Kontamination nicht sicher erfasst |
| Kontrolle | Temperatur an den Entnahmestellen und Einwirkzeit | Konzentration, Verteilung, Einwirkzeit und vollständige Spülung | Kontrollwerte aus beiden Verfahren |
| Besonders beachten | Verbrühungsschutz, Temperaturbeständigkeit, Erreichbarkeit | Werkstoffverträglichkeit, Wirkstoffreste und Nutzungseinschränkungen | hoher Aufwand für Planung, Kontrolle und Dokumentation |
| Grenzen | unwirksam, wenn die Temperatur nicht überall ankommt | unwirksam, wenn Leitungen nicht erreichbar oder kontrollierbar sind | löst keine technischen Ursachen |
Prüfliste: Welches Verfahren passt zu welcher Anlage?
Lokaler oder systemischer Legionellenbefund?
Werden 70 °C an jeder Entnahmestelle garantiert erreicht?
Funktionieren Zirkulation und hydraulischer Abgleich einwandfrei?
Gibt es ungespülte Totleitungen, Stagnationsbereiche oder Biofilme?
Sind Werkstoffe und Bauteile temperaturbeständig oder chemisch verträglich?
Die Verfahren im Detail
Thermische Desinfektion
Heißes Wasser strömt durch das Leitungsnetz. Mindestens 70 °C müssen für drei Minuten fließen – an jeder einzelnen Zapfstelle. Das Verfahren verzichtet komplett auf Chemie. Mehr erfahren » Ablauf der thermischen Desinfektion
Allerdings verhindern fehlerhafte Zirkulationen oder lange Wege oft die erforderliche Temperatur am Ziel » Nachteile thermischer Desinfektion
Chemische Desinfektion
Bei einer chemischen Anlagendesinfektion wird das Leitungsnetz für eine festgelegte Zeit mit einer Desinfektionslösung gefüllt und danach gründlich gespült. Während der Maßnahme darf aus dem behandelten Netz kein Wasser genutzt werden. Ob das Mittel alle Leitungen erreicht, hängt von der Anlage und der Durchführung ab.
Kann der Nachweis der vollständigen Ausspülung bzw. der Einhaltung der zulässigen Höchstkonzentrationen nicht erbracht werden, darf die Anlage in der Regel nicht ohne Einschränkungen weiterbetrieben werden.
Kombinierte Desinfektion
Sinnvoll bei massiver Kontamination oder komplexen Leitungsnetzen. Die Methode verlangt straffe Planung und lückenlose Dokumentation nach den Richtlinien der Trinkwasserverordnung.
Wann ist eine kombinierte Desinfektion sinnvoll?
Eine Kombination kommt infrage, wenn die Prüfung der Anlage zeigt, dass ein Verfahren allein nicht alle betroffenen Bereiche erreicht. Die Verfahren werden nacheinander eingesetzt, nicht gleichzeitig.
Als Sofortmaßnahme können zwar Legionellenfilter schützen, aber Totleitungen oder Stagnation erfordern fast immer technische Sanierungen.
Zwei typische Fallbeispiele
01
Beispiel 1: Mehrfamilienhaus mit unzureichender Zirkulation
In einem Mehrfamilienhaus sinkt die Temperatur im Steigstrang. Die Ursache: fehlender hydraulischer Abgleich. Nach Anpassung der Zirkulation können die erforderlichen 70 °C bis zur obersten Zapfstelle gelangen, sodass die thermische Desinfektion erfolgreich durchgeführt werden kann (siehe auch unseren Erfahrungsbericht aus einer Wohnanlage).
02
Beispiel 2: Verzweigte Hotelanlage
In einer weitläufigen Hotelanlage verfehlt die Temperatur entlegene Leitungsabschnitte. Fachkräfte setzen eine chemische Desinfektion ein, überwachen die Wirkstoffkonzentration sorgfältig und spülen das Netz gründlich frei. Unsere Erfahrung zeigt jedoch: Ohne Beseitigung von Stagnation oder baulichen Mängeln können Legionellen auch nach einer chemischen Desinfektion wieder auftreten.
Was beide Verfahren nicht leisten können
Desinfektionen senken Keimzahlen kurzfristig. Sie ersetzen niemals Ursachenanalyse oder Sanierung (siehe Sofortmaßnahmen bei Legionellenbefall). Unabhängig von der Methode müssen Betreiber, Eigentümer und Verantwortliche von Trinkwasserinstallationen Folgendes tun:
Ursachen der Kontamination analysieren
Technische Mängel konsequent beheben
Nutzer rechtzeitig informieren
Durchführung vollständig dokumentieren
Aussagekräftige Kontrolluntersuchungen veranlassen
Regelmäßige Nachuntersuchungen einplanen
Bei Erreichen des technischen Maßnahmenwerts (ab 100 KBE/100 ml Legionellen) greift nach § 51 TrinkwV unter anderem die Pflicht zur Durchführung einer schriftlichen Risikoabschätzung (früher Gefährdungsanalyse) sowie zur Einleitung erforderlicher Maßnahmen.
Tipp für alle Verantwortlichen
Verlangen Sie von Fachfirmen eine genaue Begründung für das gewählte Verfahren. Pauschalangebote ohne Vor-Ort-Prüfung reichen nicht aus.
Häufige Fragen zum Verfahrensvergleich
Ist eine chemische Desinfektion wirksamer als eine thermische?
Nein. Beide Verfahren können sehr wirksam sein, wenn die jeweiligen anlagenspezifischen und betrieblichen Voraussetzungen exakt eingehalten werden.
Reicht es für eine thermische Desinfektion, den Speicher auf 70 °C zu stellen?
Nein. Entscheidend sind 70 °C an allen Entnahmestellen für mindestens drei Minuten. Messen und dokumentieren Sie die Daten sorgfältig.
Ist eine chemische Desinfektion schonender für die Leitungen?
Nein. Beide Verfahren können Materialien unterschiedlich beanspruchen; die Verträglichkeit ist für die konkrete Anlage zu prüfen.
Welches Verfahren ist günstiger?
Das hängt von Netzgröße, Vorbereitung und Kontrollaufwand ab.
Fazit: Nicht das stärkste Verfahren gewinnt, sondern das passende
Wählen Sie niemals ein Verfahren ‚auf Verdacht‘. Lückenlose Analyse von Befund, Netz und Werkstoffen schützt Sie vor Unwirksamkeit und Folgeschäden. Eine anlagenbezogene Prüfung hilft zudem, die maßgeblichen Anforderungen zu berücksichtigen.
Quellen
[1] Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz: Trinkwasserverordnung (TrinkwV)
[2] Umweltbundesamt: Durchführung einer Risikoabschätzung in Bezug auf Legionella spec. gemäß § 51 TrinkwV
[3] Umweltbundesamt: Empfehlungen und Stellungnahmen zu Trinkwasser
[4] DVGW-Arbeitsblatt W 551: Trinkwassererwärmungs- und Trinkwasserleitungsanlagen; Planung, Betrieb und Sanierung
[5] DVGW: Desinfektionsmittel und zulässige Verfahren
Marco Holz
Marco Holz ist zertifizierter Experte nach VDI 6023 Kategorie A, auf die Risikoabschätzung spezialisiert und Ihr persönlicher Ansprechpartner zum Thema Legionellen.